Eine Frage der Freiheit

Es muss hier und jetzt gesagt sein: Wir haben die Nase voll von Corona! Der einfache Bürger hat genug, auch der komplizierte. Politik, Wirtschaft, Medizin, Gesellschaft, Kultur, Gastronomie, kurzum alle Lebensbereiche, sollen endlich wieder normal handeln können. Wie vorher. Uneingeschränkt. Maskenfrei. Kontaktreich. Lustvoll. Endlich nicht mehr von Corona hören, lesen, darüber schreiben. Endlich frei leben.

Deshalb haben wir uns alle impfen lassen.

Oh … also … Entschuldigung: Da ist etwas schief gelaufen, textlich. Bin grad etwas verwirrt, vermutlich ist mir der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Natürlich muss es heissen: Deshalb haben sich viele nicht impfen lassen.

Ähh … funktioniert so aber auch nicht. Lassen Sie mich rekapitulieren. Als wir uns noch nicht gegen Corona impfen lassen konnten, schrien wir nach der Impfung. Jetzt, da wir in den reichen Industrieländern Impfdosen im Überfluss haben, wehren viele sich gegen die Impfung. Einzelne, die das öffentlich herausschreien oder drauflosschreiben, verlieren in ihrem Verweigerungsfuror gar Verstand und Anstand. Die Folge: Weil die Impfquote zu tief ist, breitet sich Corona erneut aus, variantenreich, immer wieder. Die Freiheit des Einzelnen, gegen die Corona-Impfung zu sein (aus welchen Gründen auch immer), raubt dem Einzelnen und der Gesellschaft die Freiheit, frei von Corona zu sein. Wir zelebrieren damit gerade ein absurdes Schauspiel: den Kampf zwischen Nebenwirkung und tödlicher Wirkung, den Kampf zwischen dieser und jener Freiheit.   

Corona offenbart uns dabei beispielhaft: Nimmt jeder sich die Freiheit, nimmt jeder allen die Freiheit. Keine neue Erkenntnis, nun aber neu erlebt. Die Kunst des (Über-)Lebens besteht darin, eine Prise Freiheit preiszugeben, um ein Meer an Freiheit zu gewinnen.

Gelänge das, funktionierte die Politik. Die Wirtschaft. Die Gesellschaft. Der Mensch.

Jörg Krummenacher
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